Einer alten Überlieferung nach lag unweit von Frankfurt am Main die Ruine einer Burg Falkenstein auf schroffem und fast unzugänglichem Fels, ehemals nur mühsam über Felsbrocken und Grate zu erreichen.

Wie es zustande kam, dass dann plötzlich ein Weg zur Feste führte, erzählt die folgende Legende.

An einem Frühjahrstag vor einigen hundert Jahren stieg ein junger Edelmann, Kuno von Sayn, nur in der Begleitung zweier Knappen, den steilen und felsigen Stieg zur Burg Falkenstein hinauf. Für Pferde war der Fels nicht gangbar, kaum für Menschen. Trotzdem kam den Ritter der Aufstieg nicht schwer an, wollte er doch heute beim Burgherren um die Hand der Tochter anhalten, der er in inniger Liebe zugetan war.

Das schöne Mädchen liebte ihn nicht weniger, das hatte sie ihm in den kurzen, aber köstlichen Momenten der Zweisamkeit bei allerlei Festen und Zusammenkünften der Edlen versichern können. So war Kuno guten Mutes und kam recht gut voran auf dem von Felszacken übersäten Berg, und hielt nur zuweilen an, um auf die beiden Edelknaben zu warten, die sich schwerer taten mit dem Aufstieg als er.

Endlich war das äußere Tor erreicht, und die Wachen gaben das Geleit in den Saal des mächtigen Falkensteiners. Der Burgherr war ein Mann von großem Einfluss und der Spross eines mächtigen Geschlechts, und als hochfahrend und nicht eben geduldig bekannt. Er hatte mit seiner schönen Tochter ein wertvolles Pfand, das ihm bei richtigem Einsatz noch mehr Einfluss sichern würde, wenn es ihm gelänge, die allerbeste Heirat zu arrangieren. Zwar war Kuno von Sayn kein geringer Mann und gewiss nicht arm zu nennen, aber die, die auf der Höhe stehen, wollen immer noch höher hinauf.